Seit gut einem halben Jahr setzt sich eine Gruppe Schülerinnen und Schüler auf Anregung der Lehrerin Hanna Mäkinen mit der Lebenssituaton in Afrika auseinander und will ganz konkret helfen. Unter dem Motto "Bildung für alle - auch für Tuum" soll ein Bildungsprojekt in Kenia unterstützt werden. Die Tuum-AG unseres Gymnasiums kooperiert dabei mit verschiedenen anderen Schulen in Deutschland, die bereits seit mehreren Jahren in dem kleinen Ort Tuum in Kenia ein Schulprojekt finanzieren. Im Rahmen eines ersten Spendenprojektes wurden vor Ostern 230 kg Äpfel aus unserer Region an Schülerinnen und Schüler verkauft. Hanna Mäkinen startete über die Osterferien nach Tuum, um sich von den dortigen Projektbedingungen selbst einen Eindruck zu verschaffen und erste, durch die Spenden der Apfelkampagne finanzierte Materialien zu überbringen. In einem Reisebericht fasst sie ihre Erfahrungen zusammen:
Gymnasium Warstein in Kenia
Es könnten keine ereignisvolleren Tage gewesen sein: aufgrund der umfangreichen aber eben auch erfolgreichen Vorbereitung ist es mir und meiner Reisegruppe, bestehend aus insgesamt drei Lehrern (je ein(e) VetreterIn der Gesamtschulen Kerpen und Brühl und eben des Gymnasium Warstein), einem Schüler aus der Jahrgangsstufe 13 der Gesamtschule Brühl und einem Dr. der Physik aus der Schweiz, gelungen, viele Dinge miteinander zu verknüpfen: eine Besichtigung des bereits seit einigen Jahren laufenden Schulaufbauprojektes in Tuum, an dem sich das Gymnasium Warstein seit Beginn des laufenden Schuljahres beteiligt, die Organisation weiterer dem Projekt dienender Kontakte und Aufträge, die Vermittlung von Förder- und Spendengeldern (Apfelkampagne!) und schließlich ein Besuch im Armenviertel Nairobis und die Besichtigung dort laufender Schul- und Entwicklungshilfeprojekte.
Aus Warsteiner Sicht war das Hauptziel der Reise, das Schulprojekt in Tuum kennen zulernen, um dessen Unterstützung am Gymnasium Warstein in den kommenden Jahren zu etablieren. Dies bildet jedoch nur einen Teil der umfangreichen Aspekte unter dem Großthema „Schattenseiten der Globalisierung“, die sich die Tuum AG am Gymnasium Warstein zu Eigen gemacht hat. Mehr zu den Gedanken und Zielen der TUUM AG finden Sie hier auf unserer Homepage.
Im Folgenden befinden sich zwei Auszüge aus meinem Reisebericht. Ich hoffe damit einerseits dem Leser meine Begeisterung für Kenia und unser Projekt zu vermitteln und ihn andererseits dazu anzuregen, sich ebenfalls Gedanken über eine ganz andere Kultur und Lebensweise in der Ferne zu machen. Vielleicht sind sie ja gar nicht so anders…
Erste Eindrücke
Die zweitägige Reise im Jeep von Nairobi nach Tuum war aufgrund der heftigen Regenfälle der vergangenen Wochen äußerst beschwerlich aber dadurch für mich als "beginner" besonders spannend. Schon kurz nach Nairobi hört nämlich alles, was wir unter dem Begriff Infrastruktur verstehen, auf: Schotterpiste, Schlammwüste, Flussüberquerungen und... atemberaubende Landschaft mit Vulkanen, imposanter Flora und Fauna. Und besonders bemerkenswert - fröhlich winkende und breit grinsende Kenianer, jung und alt.
Der Möglichkeit eines Hinterhalts bewusst und im Vorfeld ängstlich, merkte ich alsbald, dass es sich bei den Kenianern um ein liebenswertes Volk handelt, die zunächst einfach nur freundlich und nett sind. Dass sie immer gern etwas Geld oder Sweets hätten versteht sich von selbst, wenn man die bittere Armut sieht: und doch drängte sich für mich schon bald die Frage auf: handelt es sich hier um Armut oder Elend? Kann man diese Begriffe gleichsetzen wie wir Europäer es gern tun? Oder handelt es sich hier um Menschen, die zwar arm aber durchaus glücklich sind? Eine Frage, mit der ich mich im Laufe meiner Reise immer wieder beschäftigt habe.
Tuum

- Eine Manyatta direkt neben unserer Unterkunft. In dieser wohnt Christoph, 16, super nett, intelligent, wird von Gesamtchule Kerpen in der secondary school unterstützt (school fees) . Die Jungs müssen 9 Stunden (!) zu fuß über einen Berg zur Schule und zurück, wenn Ferien sind. Strategie gegen wilde Tiere: singen...
Tuum liegt landschaftlich wunderschön direkt am Fuße eines sehr hohen Bergs. Nach der entsetzlichen Dürreperiode in 2009, der viele Tiere und auch Menschen zum Opfer fielen, hatte es nun mehrere Wochen regelmäßig geregnet, sodass die Landschaft grün war und die unzähligen Ziegen, Kamele, Esel, Hunde und Kühe, die alle übrigens frei umher spazieren, recht gut ernährt aussahen.
An Infrastruktur hat Tuum bis auf die beiden Schulen, die sich auch noch im Aufbau befinden, aber momentan sehr erfreuliche Ergebnisse erzielen, so gut wie gar nichts zu bieten: es gibt keine Straßen (nur Pfade unterschiedlicher Breite und Passierbarkeit), keine Elektrizität, kein fließendes Wasser, keine Geschäfte und kaum wirkliche Häuser. Die Einheimischen leben hauptsächlich in den sogenannten Manyattas.
Das sind an ihrer höchsten Stelle etwa 1.60 cm hohe Rundhütten aus Reisig, die notdürftig mit Plastikplanen bzw. -resten überzogen sind, um zumindest von oben Schutz vor Regen zu geben. In den Manyattas haben die Samburu (so heißt das Nomadenvolk, zu den die Tuumer gehören) offenes Feuer, aber kein Rauchabzug, sodass es der freien Vorstellungskraft des Lesers überlassen ist, sich auszumalen, wie die Luft in diesen Behausungen ist und welche gesundheitlichen Folgen dieses längerfristig nach sich zieht.
Besuch in Manyatta
Der Besuch einer solchen Manyatta schnürte mir in mehrerer Hinsicht die Kehle zu und brachte mir Tränen in die Augen: zum einen war da der entsetzliche Rauch und das in meinen Augen – ja – Elend der Behausung: die „Küchenecke“ mit unbedeckten, undefinierbaren Essensresten überfallen von Heerscharen von Fliegen und Insekten und die mit Lumpen ausgekleidete Schlafecke, wo alle Hüttenbewohner (in diesem Fall handelte es sich um die ca. 24jährige Joyce mit ihren 3 (!) Kindern ohne Mann kreuz und quer Platz finden (müssen). Aber dann war da doch wieder auch die andere Seite: Joyce fasste mich an beiden Händen und zeigte mit vor unbändigen Stolz leuchtenden Augen ihr Zuhause: eine gemeinsame Sprache hatten wir nicht, doch es war unmissverständlich ,wie glücklich sie über unseren Besuch in ihrer Hütte war. Für sie bedeutete die in unseren Augen notdürftige Unterkunft das vertraute und zweckmäßige Heim für ihre Familie.
Wie sehr bereue ich doch unsere unüberlegte Entscheidung, den angebotenen Tee abzuschlagen! Wie globig und ungelenk ich mir vorkam als ich mich durch die winzige Türöffnung bemühte und arrogant, weil mir das Lächeln im Gesicht ersteifte! Wie sollte ich die von Joyce erwarteten Ausrufe der Begeisterung über die Lippen bringen, wenn ich doch am liebsten heulend davon gerannt wäre? Die äquatoriale Tagesablauf kam uns zur Hilfe: ein Hinweis auf die im Eiltempo dem Horizont nahende Sonne gab uns die auch Joyce einleuchtende Entschuldigung: innerhalb kürzester Zeit würde es stockdunkel sein und da hat keiner mehr etwas draußen zu suchen: Zu gefährlich! Trotzdem: könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde ich mit ihr Tee trinken, ihr Bilder von meinen Kindern zeigen und einfach Zeit mit ihr verbringen, denn letztendlich haben wir ja doch so einiges gemeinsam…
Some people call it slum – we call it home
Ein Besuch in Kariobangi, Nairobi
„Kurze Hosen tragen nur Touristen und die Uhr und die Halskette lässt Du besser hier“, lauteten die Anweisungen von Christoph Brummel, dem 23-jährigen Anröchter Missionar auf Zeit, der nun schon seit August 2009 in Kariobangi, einem Armenviertel in Nairobi. Durch einen seiner spannenden Berichte in der Lokalzeitung begeistert hatte ich die Idee, auf meiner in den Osterferien ohnehin geplanten Reise in den Norden Kenias, Kontakt mit ihm aufzunehmen und ihn in Kariobangi zu besuchen. Es war mir von vorne herein bewusst, dass der Tag im „Slum“ (wie Christoph Kariobangi aber getreu dem viel sagenden Spruch „some people call it slum – we call it home“ ungern nennt) einen Kontrast bilden würde zu dem, was ich im Rahmen unseres Schulaufbauprojektes in dem äußerst ländlichen, von anderen Orten bzw. Städten komplett abgeschnittenen Ort Tuum sehen und erleben würde. Und doch waren die Eindrücke, die ich an diesem Tag in Kariobangi in ihrer Vielseitigkeit und Komplexität völlig überraschend: wie erwartet sah ich Wellblechhütten, Abfälle auf den Straßen und in Lumpen gekleidete Kinder, aber ich sah vor allem, wie offenbar überall in Kenia, freundlich lächelnde Gesichter, alte wie junge, nicht nur nach Geld, sondern aus Interesse ausgestreckte Hände.
Besonders beeindruckt war ich aber von meinem Begleiter: alle schienen ihn zu kennen, die Kinder kamen auf ihn zugerannt und unterhielten sich mit ihm auf… swahili! Wie selbstverständlich belegt Christoph B. seit August einen swahili-Kurs, um näher an seinen SchülerInnen zu sein, denen er sogenannte „life skills“, beibringt, d.h. wichtige Dinge des Alltags, die von den Hauptfächern nicht abgedeckt werden. Die Themen reichen von Hygiene über Selbstbewusstsein stärken bis hin zu Fragen wie „wie ziehe ich eine Zwiebel?“. In der Schule lernen die Kinder Englisch und die Kommunikation in der Weltsprache klappt eigentlich ganz gut mit Kindern ab ca 8 Jahren, insofern sie die Schule besucht haben. Die Tatsache, dass es in Kenia unzählige Stammessprachen gibt, die nur teilweise miteinander verwandt sind, zwingt die Schulen allerdings, die Kinder zunächst auf einen gemeinsamen sprachlichen nenner zu bringen: swahili. Englisch ist also in weiten Teilen Kenias bereits die 3. Sprache, die die Kinder in jungen Jahren zu lernen haben. Hieraus erklären sich auch die erleichtert-fröhlichen Gesichtsausdrücke der Kenianer, wenn sie mit Fremden auch mal Worte auf swahili wechseln können. Das Treffen in Kariobangi war aus meiner Sicht ein voller Erfolg und nachdem ich die fast 2stündige Heimreise (ca 20km) durch das Verkehrschaos Nairobis mit Matatus, den „öffentlichen Verkehrsmitteln“, auf dessen Benutzung Christoph bestand, überlebt hatte, hatte ich vor allem zwei Dinge verstanden: erstens, warum es sich immer wieder über die Frage „Armut oder Elend?“ nachzudenken lohnt und warum es in Nairobi T-Shirts mit dem Aufdruck „I survived a Matatu“ zu kaufen gibt!






